The Shadow Powers Times Headline

POLITISCH · KRITISCH · ANALYTISCH

AUSGABE • OKTOBER 2026

Die Welt ist nicht genug

Dunny sollte seine eigene Welt retten - jetzt kämpft der Kanide für das Lesen. Ein Gespräch mit Ray Adam über Bücher, Smartphones und seine Lesekampagne »Lies mal wieder ein richtiges Buch!«

Von Ray Adam • Oktober 2026

Vor wenigen Wochen sprach die Shadow Powers Times mit Ray Adam über seinen neuen Roman »Die Tiere von Troyes«. Damals sollte die französische Ausgabe bis Weihnachten erscheinen, die englische im kommenden Frühjahr. Inzwischen liegt der Roman in fünf Sprachen vor. Und ausgerechnet jetzt, da seine Tiere immer mehr Sprachen sprechen, beschäftigt den Autor eine ganz andere Frage: Können unsere Kinder eigentlich noch lesen?

Im September besuchte die Shadow Powers Times den Schriftsteller Ray Adam, um mit ihm über einen ungewöhnlichen Roman zu sprechen. »Die Tiere von Troyes« spielt mehr als 11.000 Jahre nach dem Ende der Menschheit. Kaniden, Pferde, Mäuse, Adler und andere Tiervölker haben eine neue Zivilisation aufgebaut - friedlicher als jene, die vor ihnen existierte.
Bis eines Tages Gaïa verstummt und aus Nachbarn Gegner werden. Damals war gerade die deutsche Ausgabe erschienen.
Adam erzählte von der jahrelangen Entstehung des Romans, von einer Geschichte, die ursprünglich aus politischen Überlegungen hervorgegangen war, und von seinem Plan, Troyes auch Lesern außerhalb Deutschlands zugänglich zu machen. Die französische Fassung, so hieß es damals, könne vielleicht noch vor Weihnachten fertig werden. Englisch sollte im Frühjahr folgen.
Ein sehr vorsichtiger Zeitplan, wie sich herausgestellt hat, denn wenige Wochen später gibt es »Die Tiere von Troyes« nicht mehr nur auf Deutsch. Der Roman ist inzwischen in fünf Sprachen fertiggestellt. Grund genug für die Shadow Powers Times, noch einmal nachzufragen.

SPT:   Herr Adam, als wir uns im September unterhielten, klang Ihr Zeitplan noch ausgesprochen vernünftig. Französisch bis Weihnachten, Englisch vielleicht im Frühjahr. Was ist passiert?

Ray Adam:   Vermutlich hätte ich mich an meinen eigenen Zeitplan halten sollen. Dann hätte ich in den letzten Wochen mehr geschlafen. [ lacht ] Aber irgendwann war die französische Fassung fertig - und dann wollte ich wissen, ob es mit der nächsten genau so gut funktioniert. Und irgendwann sitzt man da und stellt fest: Jetzt sind es fünf Uhr morgens.

SPT:   Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch - und Latein. Bei den ersten vier können wir Ihnen folgen. Aber warum um alles in der Welt Latein?

Ray Adam:   Weil ich wissen wollte, ob es geht, und ob ich es noch gut genug kann. Und weil Latein für mich keine tote Sprache ist. Es ist eine Sprache, in der über Jahrhunderte hinweg Geschichten, Geschichte, Philosophie und Wissen weitergegeben wurden. Außerdem gefiel mir der Gedanke. Da schreibe ich einen Roman über eine Welt, in der die menschliche Zivilisation seit 11.000 Jahren verschwunden ist - und ausgerechnet diese Tiere erzählen ihre Geschichte auch in einer Sprache der alten Römer. Ich fand diesen Gedanken einfach schön.

SPT:   War das tatsächlich eine Übersetzung? Oder hat künstliche Intelligenz fünfmal auf einen Knopf gedrückt?

Ray Adam:   Wenn es so einfach gewesen wäre, hätte ich wirklich mehr geschlafen. [ lacht ] Natürlich spielte KI bei der Übersetzung eine unterstützende und kontrollierende Rolle. Aber eine literarische Übersetzung besteht nicht darin, deutsche Sätze durch fremdsprachige Sätze zu ersetzen. Figuren haben Stimmen. Ein Witz muss funktionieren. Ein Satz kann grammatisch völlig korrekt und trotzdem für die Figur falsch und unpassend sein. Manchmal merkt man erst nach mehreren Varianten, dass eine Formulierung zwar genau dasselbe sagt, aber nicht dasselbe erzählt.

SPT:   Sie haben also jede Fassung noch einmal als eigenen Roman behandelt?

Ray Adam:   Genau. Die Geschichte durfte sich nicht verändern, aber sie musste in der anderen Sprache wieder lebendig werden. Dunny muss Dunny bleiben. Sammy muss Sammy bleiben. Humor muss Humor bleiben, Traurigkeit muss Traurigkeit bleiben. Das war besonders beim Lateinischen eine Herausforderung, weil man nicht einfach so tun kann, als gäbe es für unsere heutige Welt immer ein passendes antikes Wort. Gleichzeitig wollte ich kein künstliches Schulbuchlatein. Die Tiere von Troyes sollten auch auf lateinischer Ebene lebendig sein.

SPT:   Warum dieser Aufwand? Für einen unabhängigen Autor wäre es doch erheblich einfacher gewesen, das deutsche Buch zu veröffentlichen und erst einmal abzuwarten, wie es sich verkauft.

Ray Adam:   Weil mich etwas anderes mehr interessiert als die Frage, wie viele Exemplare ich in welchem Land verkaufe. Eine Geschichte existiert für mich erst richtig, wenn sie gelesen wird. Und wenn ich die Möglichkeit habe, einem französischen, spanischen oder englischsprachigen Leser dieselbe Tür nach Troyes zu öffnen wie einem deutschen, dann möchte ich das versuchen.

SPT:   Das klingt beinahe so, als sei aus einem Buchprojekt inzwischen ein internationales Bildungsprojekt geworden.

Ray Adam:   Das war überhaupt nicht geplant, aber vielleicht ist es tatsächlich so.

SPT:   Wie kam es dazu?

Ray-und-Dunny

Ray Adam © 2026

Ray Adam:   Durch meinen Dunny, der jedes Wort, das ich schreibe, begleitet. Wir haben für »Die Tiere von Troyes« eine kleine Lesekampagne entwickelt und ihn zum »Botschafter des Lesens« gemacht. Anfangs war das eine schöne Idee rund um das Buch. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger harmlos fand ich allerdings die Frage dahinter.

SPT:   Welche Frage?

Ray Adam:   Was wir heute eigentlich meinen, wenn wir sagen, ein Mensch könne lesen.

SPT:   Das klingt zunächst ziemlich eindeutig.

Ray Adam:   Das dachte ich früher auch, bis mir vor vielen Jahren bei meinen eigenen Kindern und ihrem Freundeskreis etwas auffiel. Sie waren mit Handy und digitaler Kommunikation aufgewachsen und konnten natürlich lesen. Sie lasen sogar ständig: Nachrichten, kurze Texte, Anzeigen, später soziale Medien. Aber irgendwann bestärkte mich der Eindruck, dass wir mit dem Wort »Lesen« heute zwei unterschiedliche Fähigkeiten meinen.

SPT:   Sie unterscheiden zwischen zwei Arten des Lesens?

Ray Adam:   Ja. Als studierter Germanist und Pädagoge habe ich für mich persönlich irgendwann begonnen, zwei unterschiedliche Formen des Lesens zu unterscheiden:
LESEN-1 ist sinnentnehmendes Lesen, also das klassische Lesen, das wir früher meinten, wenn wir vom Lesen sprachen. Es bedeutet, dass der Leser nicht nur die Wörter eines Textes entziffert, sondern den Textsinn erfasst, Gedanken über mehrere Sätze und Absätze verfolgt, Informationen miteinander verbindet und versteht, was ausdrücklich dasteht, und manchmal auch, was eben nicht dasteht.
LESEN-2 ist etwas völlig anderes. Wörter, kurze Aussagen und ihre unmittelbare Bedeutung sind schnell erfassbar, oft mit einem einzigen Blick. Bilder, Symbole und Emojis liefern zusätzliche Hinweise auf die Bedeutung. Das ist komplexe Kommunikation, und sie kann erstaunlich effizient sein, aber sie funktioniert mit einer völlig anderen Rezeption und verlangt nicht dieselbe gedankliche Arbeit wie richtiges LESEN-1.

SPT:   Dann ist das Smartphone gar nicht der eigentliche Gegner Ihrer Kampagne?

Ray Adam:   Nein. Das Smartphone selbst ist nur ein technisches Gerät, das heute sogar schon kleine Kinder wie selbstverständlich in der Tasche haben. Aber die Art, wie Smartphones auf der ganzen Welt die Kommunikation verändert haben - das bereitet mir zunehmend Sorge.

SPT:   Damit sind wir plötzlich ziemlich weit von einem Erwachsenen-Roman über sprechende Tiere entfernt.

Ray Adam:   Nicht unbedingt.

SPT:   Wieso nicht?

Ray Adam:   Weil »Die Tiere von Troyes« im Kern genau von der gerade beschriebenen Problematik handelt:
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn Verständigung verloren geht? Gaïa verbindet die Völker von Troyes miteinander. Als diese Verbindung plötzlich verstummt, verschwinden nicht über Nacht Vernunft und Anstand, aber Unsicherheit entsteht. Gerüchte entstehen, Misstrauen breitet sich aus und die Tiere beginnen, seit Jahrtausenden bestehende Abkommen mit anderen Tieren zunehmend in Frage zu stellen.

SPT:   Sehen Sie darin eine Parallele zu unserer heutigen Gesellschaft?

Ray Adam:   Allerdings. Nur dass bei uns die Kommunikation nicht verstummt. Im Gegenteil: Wir kommunizieren vermutlich mehr als jemals zuvor. Aber immer häufiger frage ich mich, ob wir uns deshalb auch besser verstehen.

SPT:   Das klingt nach dem üblichen Vorwurf an Smartphones und soziale Medien: Früher lasen die Menschen Bücher, heute schauen sie auf TikTok. Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

Ray Adam:   Das wäre viel zu einfach und ist deshalb auch nicht mein Vorwurf. Ich bin kein Gegner digitaler Kommunikation. Ohne sie könnte ich meine Bücher heute nicht so schreiben, übersetzen, veröffentlichen und international zugänglich machen, wie ich es tue. Ich unterscheide sehr deutlich zwischen digitaler Technik und dem, was wir heute »Social Media« nennen.

SPT:   Von Social Media halten Sie offenbar wenig.

Ray Adam:   Das ist noch freundlich formuliert. Ich halte die meisten dieser sogenannten sozialen Medien für ausgesprochen unsozial, und ich halte ihre heutige Form für eine ernsthafte Gefahr für alle demokratischen Gesellschaften - auf der ganzen Welt.

SPT:   Eine ziemlich gewaltige Behauptung.

Ray Adam:   Ja. Und deshalb muss man darüber reden. Demokratie setzt voraus, dass Menschen unterschiedliche Informationen aufnehmen, Argumente prüfen, Widersprüche aushalten und schließlich zu einem eigenen Urteil gelangen können. Genau hier kommen wir wieder zu meinem LESEN-1 zurück.

SPT:   Weil politische Zusammenhänge nicht in drei Sätze passen?

Ray Adam:   Genau. Ein kompliziertes Problem bleibt kompliziert, auch wenn man es auf fünfzehn Sekunden Video reduziert; es wird dadurch nicht vereinfacht - es werden lediglich Teile davon entfernt, bis irgendwann nur noch Schlagwörter, Bilder und Emoticons übrigbleiben.

SPT:   Trotzdem können soziale Netzwerke politische Beteiligung auch erleichtern: Menschen verbreiten Informationen, machen Missstände öffentlich, organisieren sich und kommunizieren unmittelbar miteinander.

Ray Adam:   Das will ich überhaupt nicht bestreiten. Noch nie konnten Menschen so leicht Informationen veröffentlichen und miteinander teilen. Meine Sorge beginnt dort, wo nicht mehr die Information um Aufmerksamkeit konkurriert, sondern die Aufmerksamkeit selbst zum Geschäftsmodell wird.

SPT:   Was hat das mit Lesen zu tun?

Ray Adam:   Sehr viel. Wenn ein Medium davon lebt, dass ich möglichst schnell auf den nächsten Inhalt reagiere, dann belohnt es eine völlig andere Form der Wahrnehmung als ein längerer Text:

• SEHEN • ERKENNEN • REAGIEREN • WEITER •

Das ist mein LESEN-2. Demokratie aber braucht an entscheidenden Stellen LESEN-1:

innehalten, Zusammenhänge erfassen, Quellen vergleichen, einen Widerspruch bemerken - und manchmal nach zehn Minuten feststellen, dass die eigene erste Meinung vielleicht falsch war.

SPT:   Sie machen aus Ihrer Lesekampagne also inzwischen eine politische Kampagne?

Ray Adam:   Aber nein! Auf gar keinen Fall! Dunny soll niemandem sagen, was er zu denken hat. Es ist genau andersherum: Dunny soll dafür werben, dass Menschen sich - trotz der Technik, auf der die meisten täglich und stundenlang herumtippen - die Fähigkeit bewahren, selbst zu denken. Und dazu gehört für mich in jedem Fall das sinnentnehmende Lesen.

SPT:   Und deshalb Ihre Kampagne

Lies mal wieder ein richtiges Buch!?

Ray Adam:   Genau deshalb. Wobei der Satz ganz bewusst ein bisschen frech gemeint ist. Natürlich weiß ich, dass man auch auf einem Tablet oder einem E-Reader ein richtiges Buch lesen kann. Mir geht es nicht um Papier gegen Bildschirm, sondern um die Art des Lesens. Ein richtiges Buch verlangt etwas von seinem Leser, was wir uns im digitalen Alltag zunehmend abgewöhnt haben: die Hoheit über unsere eigene Zeit.

SPT:   Zeit allein macht aber noch keinen guten Leser aus.

Ray Adam:   Natürlich nicht. Nein. Aber ein Roman zwingt mich dazu, bei einer Sache zu bleiben. Ich muss einer Geschichte folgen, mich an etwas erinnern, das fünfzig Seiten vorher passiert ist, Figuren verstehen, obwohl sie mir nicht erklären, was ich von ihnen halten soll. Ich muss mir Landschaften, Räume und Gesichter vorstellen. Und manchmal muss ich einen Satz zweimal lesen.

Bei »Die Tiere von Troyes« kommt noch etwas Besonderes hinzu. Die Romanversion umfasst 276 Seiten, enthält 137 Aquarelle und folgt einer festen Struktur: links Text, rechts ein Aquarell zu genau diesem Teil der Geschichte. Das Bild ist dabei nicht einfach Schmuck und auch keine bloße Wiederholung dessen, was auf der linken Seite steht. Es erzählt einen Teil der Geschichte auf seine eigene Weise.

Der Leser liest also den Text, betrachtet das Bild und verbindet beides miteinander. Manchmal ergänzt das Aquarell etwas, das der Text nur andeutet. Manchmal entsteht erst aus beiden zusammen die ganze Szene.

SPT:   Aber machen Sie es dem Leser mit einem Bild auf jeder zweiten Seite nicht gerade leichter? Er muss sich die Welt schließlich nicht mehr vollständig selbst vorstellen.

Ray Adam:   Natürlich mache ich es ihm leichter - und das ganz bewusst. Ich möchte niemandem beweisen, wie anstrengend Lesen sein kann. Ich möchte Menschen dazu verführen, weiterzulesen.

Das Bild sagt: Schau her, so könnte diese Welt aussehen. Der Text sagt: Komm mit, hier gibt es noch viel mehr zu entdecken. Und irgendwann merkt der Leser vielleicht gar nicht mehr, dass er seit einer Stunde genau das tut, wofür Dunny wirbt: Er liest.

SPT:   Also gewissermaßen ein Trainingsprogramm für LESEN-1?

Ray Adam:   Ja, wenn Sie das so ausdrücken wollen - aber ohne erhobenen Zeigefinger. Lesen soll Freude machen - Erwachsenen genau wie Kindern. Wer sich zweihundert Seiten lang in einer Geschichte verliert, absolviert keine pädagogische Übung. Er erlebt ein Abenteuer, und während dieses Abenteuers geschieht im Kopf unglaublich viel.

SPT:   Trotzdem lautet Ihre Aufforderung:

Lies mal wieder ein richtiges Buch!

Das klingt durchaus ein wenig provokant.

Ray Adam:   Soll es auch. Wir sagen ständig:
»Schau dir das mal an«, »Klick da mal drauf«, »Schick mir den Link«, »Guck dir das Video an«. Warum sagen wir nicht genauso selbstverständlich: »Lies mal wieder ein richtiges Buch!«

SPT:   Und dafür schicken Sie ausgerechnet einen Kaniden namens Dunny los?

Ray Adam:   Wen denn sonst? [ lacht ] Dunny ist neugierig. Er hört zu, er zweifelt, er macht Fehler, aber er versucht zu verstehen, bevor er urteilt. Wenn ich mir einen Botschafter des Lesens aussuchen dürfte, könnte ich kaum einen besseren finden.

SPT:   Wie sieht diese Kampagne konkret aus?

Aktuelle Lesekampagne 2026 der Tiere von Troyes

Lesekampagne

Ray Adam © 2026

Ray Adam:   Sie ist vollständig digital - ausgerechnet, könnte man sagen [ lacht ]. Auf meinen drei Internetpräsenzen erscheint ein Kampagnenstreifen mit Dunny als »Botschafter des Lesens«. Wer darauf klickt, gelangt auf die Kampagnenseite seines eigenen Landes. Und dort verkauft Dunny gar nichts. Er sagt: »Lies ein Buch. Es spielt keine Rolle, welches Buch du liest. Hauptsache, du liest.«

SPT:   Ausgerechnet ein Buchautor schickt seine Besucher zu anderen Büchern?

Ray Adam:   Ja natürlich. Es wäre doch ziemlich unglaubwürdig, eine Kampagne für das Lesen zu starten, die in Wirklichkeit nur Werbung für meine eigenen Bücher wäre. Mir ist völlig egal, ob jemand anschließend »Die Tiere von Troyes«, Harry Potter, Goethe, einen Kriminalroman oder ein Buch über Modelleisenbahnen liest. Er soll ein Buch finden, das ihn interessiert - und lesen.

SPT:   Auf der Kampagnenseite verweisen Sie deshalb auch auf andere Organisationen.

Ray Adam:   Genau. Für jede der vier modernen Sprachen, in denen »Die Tiere von Troyes« erschienen ist, habe ich eine etablierte Initiative oder Institution ausgewählt, die sich für das Lesen einsetzt: in Deutschland die Stiftung Lesen [1], in Großbritannien den National Literacy Trust [2], in Spanien den staatlichen Plan de Fomento de la Lectura [3] und in Frankreich das Centre national du livre [4]. Sie verfolgen unterschiedliche Ansätze, aber das gemeinsame Ziel ist dasselbe: Menschen wieder zum Lesen zu bringen und Freude am Lesen zu vermitteln.

SPT:   Und dann steht da noch Latein.

Ray Adam:   Ja. Für Latein gibt es naturgemäß keine nationale Lesekampagne wie in Deutschland, Frankreich oder Spanien. Deshalb verweist Dunny dort auf Latinitium. Das gefällt mir besonders, weil dort etwas versucht wird, das sehr gut zu unserer Kampagne passt: Latein nicht nur zu analysieren und zu übersetzen, sondern lateinische Texte tatsächlich zu lesen und zu verstehen.

SPT:   Arbeiten Sie mit diesen Organisationen zusammen?

Ray Adam:   Nein, und das möchte ich ausdrücklich klarstellen. Es gibt keine Partnerschaft, kein Sponsoring und keine offizielle Zusammenarbeit. Ich verweise auf ihre Arbeit, weil ich ihre Ziele unterstützenswert finde. Wer durch Dunny auf das Thema aufmerksam wird und mehr darüber erfahren möchte, kann von Dunnys Kampagnenseite unmittelbar zu diesen Organisationen weitergehen. Entsprechende Links haben wir eingerichtet.

SPT:   Ausgerechnet der spanische Plan zur Leseförderung bezeichnet Lesen ausdrücklich als Beitrag zu einer freieren, gleichberechtigteren und demokratischeren Gesellschaft. Damit wären wir am Ende wieder bei Ihrer ziemlich politischen Ausgangsthese.

Ray Adam:   Ja. Und vielleicht ist das gar nicht so überraschend. Eine Demokratie braucht Menschen, die sich informieren können. Menschen, die einen längeren Gedanken verfolgen, unterschiedliche Aussagen miteinander vergleichen und bemerken, wenn etwas nicht zusammenpasst. Menschen, die nicht nur verstehen, was jemand ihnen sagt, sondern auch darüber nachdenken können, warum er es ihnen sagt.

SPT:   Dann ist Lesen für Sie eine demokratische Fähigkeit?

Ray Adam:   Sinnentnehmendes Lesen auf jeden Fall. Wer lesen und verstehen kann, muss deshalb noch lange kein vernünftiger Mensch sein und auch nicht automatisch die richtigen Entscheidungen treffen, aber er besitzt ein wichtiges Werkzeug, um seine Entscheidungen selbst treffen zu können. Genau darauf kommt es in einer Demokratie an.

SPT:   Das ist inzwischen ein ziemlich weiter Weg für einen sechzehnjährigen Kaniden aus Troyes.

Ray Adam:   [ lacht ] Das stimmt. Eigentlich wollte Dunny nur seine Welt retten. Jetzt soll er auch noch unsere zum Lesen bringen.

SPT:   Und wenn er damit Erfolg hat?

Ray Adam:   Ich wünsche ihm alles Glück der Welt - dieser wunderbaren Welt. Er wird es schaffen! Irgendwann sitzt irgendwo ein Mensch, legt für eine Weile sein Smartphone zur Seite, nimmt ein Buch in die Hand - irgendeines - und beginnt zu lesen.

SPT:   Ein richtiges Buch?

Ray Adam:   Ja. Ein richtiges Buch.

1 – Stiftung Lesen (Deutschland)
Die gemeinnützige Stiftung Lesen mit Sitz in Mainz setzt sich für die Förderung von Lesekompetenz und Lesefreude in allen Bevölkerungskreisen ein. Einen besonderen Schwerpunkt legt sie auf Kinder, Jugendliche und Familien, insbesondere dort, wo Bildungschancen eingeschränkt sind. Sie führt bundesweite Programme, Kampagnen sowie Forschungs- und Modellprojekte durch und arbeitet unter anderem mit Bildungseinrichtungen, Wissenschaft, Ministerien und Verbänden zusammen. Ihr Leitgedanke: Lesekompetenz ist eine Grundlage für Bildung und ein selbstbestimmtes Leben.
Internetpräsenz der Stiftung Lesen

2 – National Literacy Trust (Vereinigtes Königreich)

Der National Literacy Trust engagiert sich für die Lese-, Schreib- und Sprachkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Reading for Pleasure, also dem freiwilligen Lesen aus Freude und eigenem Interesse. Die Organisation untersucht regelmäßig das Leseverhalten junger Menschen und entwickelt Programme, mit denen Lesen stärker im Alltag verankert werden soll. Nach ihrer aktuellen Erhebung 2026 lesen 36,1 Prozent der 8- bis 18-Jährigen in ihrer Freizeit gern; 20,3 Prozent tun dies täglich. Trotz einer leichten Erholung liegen beide Werte deutlich unter denen von 2016.
National Literacy Trust – Reading for Pleasure

3 – Plan de Fomento de la Lectura 2026–2030 (Spanien)

Der spanische Plan de Fomento de la Lectura 2026–2030 des Ministerio de Cultura steht unter dem programmatischen Leitgedanken „¡Leer es un derecho!“ – „Lesen ist ein Recht!“. Lesen wird darin ausdrücklich nicht lediglich als kulturelle Freizeitbeschäftigung, sondern als grundlegendes Recht verstanden. Der Fünfjahresplan umfasst 100 Maßnahmen in fünf Bereichen: Zugang zum Lesen, Nachhaltigkeit und Bibliodiversität, Lesen und Gesundheit, Kinder und Jugendliche sowie Internationalisierung. Das Ministerium stellt dafür 82,7 Millionen Euro bereit und verbindet Leseförderung ausdrücklich mit gesellschaftlicher Teilhabe und einer starken Demokratie.
Plan de Fomento de la Lectura 2026–2030

4 – Centre national du livre (Frankreich)
Das Centre national du livre (CNL) ist eine öffentliche Einrichtung des französischen Kulturministeriums und fördert Literatur, Buchkultur und Lesen. Besonders gut zu Dunnys Kampagne passt der „Quart d’heure de lecture national“: Menschen sollen sich täglich wenigstens 15 Minuten Zeit zum Lesen nehmen. Schulen, Unternehmen, Behörden, Vereine, soziale Einrichtungen, Bibliotheken und Buchhandlungen werden einbezogen. Das erklärte Ziel ist, das Lesen wieder stärker in den Alltag zu integrieren – ausdrücklich auch bei Menschen, die bislang wenig oder gar nicht lesen.
Centre national du livre – Quart d’heure de lecture

5 – Latinitium (Latein – Sonderfall)
Latein nimmt in Dunnys Kampagne bewusst eine Sonderstellung ein: Hinter dieser Sprachfassung steht kein moderner Staat mit einer nationalen Leseförderung. Deshalb verweist die Kampagne auf Latinitium, ein von dem Lateinlehrer Daniel Pettersson aufgebautes Angebot zum aktiven Lesen, Hören und Sprechen der lateinischen Sprache. Besonders interessant für die Idee von LESEN-1 ist der Ansatz, lateinische Texte möglichst unmittelbar als lateinische Sprache zu verstehen, statt jeden Satz zunächst Wort für Wort zu übersetzen und nach dem Verb zu suchen. Latinitium stellt dazu Lese- und Hörmaterial sowie Lernmethoden bereit.
Latinitium

Hinweis: Die Kampagne  »Lies mal wieder ein richtiges Buch!«  ist eine unabhängige Initiative von Ray Adam und  »Die Tiere von Troyes« . Es bestehen keine Kooperationen, Partnerschaften oder Sponsoringvereinbarungen mit den hier genannten Organisationen und Institutionen. Die Verweise dienen ausschließlich dazu, auf bestehende Initiativen zur Förderung des Lesens aufmerksam zu machen.