AUSGABE • SEPTEMBER 2026
SPT: Ray Adam, nach drei politischen Büchern und der Schattenmächte-Trilogie veröffentlichen Sie nun einen illustrierten Roman über intelligente Tiervölker, die elftausend Jahre nach dem Untergang der Menschheit leben. Wie kam es zu diesem scheinbar überraschenden Schritt, weshalb spielt die Geschichte ausgerechnet in Troyes – und was verbindet diese neue Welt mit Ihren bisherigen Büchern?
Ray Adam: Manche Bücher beginnen mit einem Plan. Andere entstehen aus einem Gedanken, der sich nicht mehr vertreiben lässt. Bei »Die Tiere von Troyes« war es weder das eine noch das andere.
Der Roman entstand aus einer Frage, die mich schon während der Arbeit an anderen Büchern beschäftigte und Anfang April schließlich eine unerwartete Richtung nahm.
Im Frühjahr arbeitete ich intensiv an meinen drei politischen Büchern »Der gute Staat«, »Deutschland im Ausverkauf« und »54 Billionen«. In keinem von ihnen ging es nur um Tagespolitik oder einzelne gesellschaftliche Entscheidungen. Hinter allen stand dieselbe grundsätzliche Frage:
Warum fällt es Menschen so schwer, eine friedliche und gerechte Gesellschaft zu bewahren, obwohl sie über Wissen, Geschichte und Vernunft verfügen?
Macht, Angst, Verantwortung, Vertrauen und Zusammenhalt sind keine abstrakten Größen. Sie bestimmen das Leben jedes Einzelnen und entscheiden letztlich darüber, ob eine Gemeinschaft bestehen kann. Irgendwann tauchte eine andere, zunächst beinahe spielerisch wirkende Frage auf:
Wie sähe unsere Erde aus, wenn es keine Menschen mehr gäbe?
Nicht unmittelbar nach einer Katastrophe, sondern elftausend Jahre später – zu einer Zeit, in der unsere Städte zerfallen, unsere Straßen verschwunden und die Spuren unserer technischen Welt fast vollständig von der Natur zurückerobert worden wären.
Die Erde würde weiter bestehen. Wälder würden wachsen, Flüsse neue Wege finden und Gebirge sich langsam verändern. Aber wer würde diese Welt bewohnen?
Und was wäre, wenn Tiere in dieser fernen Zukunft nicht nur fühlen und miteinander sprechen könnten, sondern über eine hoch entwickelte Intelligenz, eine gemeinsame Kultur und ein eigenes geistiges Leben verfügten?
Damit war die Idee zu »Die Tiere von Troyes« geboren.
Der Rahmen dieser Welt war bereits in der »Schattenmächte«-Trilogie angelegt. Dort versucht Robert über mehr als ein Jahrhundert hinweg vergeblich, den Untergang der Menschheit zu verhindern. Während die Menschen schließlich an einem anderen Ort eine neue Zukunft erhalten, bleibt auf der verwundeten Erde Lawrence zurück, ein Nachfahre der Wölfin Jana und Anführer seines Volkes.
Was aber wurde aus dieser verlassenen Welt? Viele Jahre dachte ich immer wieder darüber nach. Bei der Erinnerung an die Tiere, die mein eigenes Leben begleitet haben, entstand schließlich die Antwort: Elftausend Jahre später ist die Erde wieder grün geworden. Die Wunden der Vergangenheit sind weitgehend verheilt. In den Landschaften rund um das ehemalige Troyes leben die Nachfahren jener Tiere, die manche Leser bereits aus der Trilogie kennen.
Aber warum gerade Troyes – und nicht Coventry, Ventimiglia oder ein anderer Ort?
Auch diese Antwort findet sich im dritten »Schattenmächte«-Roman. Robert erfährt durch eine Vision, dass er nach seiner letzten Zeitreise aus dem Jahr 2024 in das Jahr 1000 sein weiteres Leben als angesehener Schriftsteller in Troyes verbringen wird. Sein Pseudonym lautet Chrestien des Troyes. [1]
Gemeinsam mit seiner Frau Marie lebt Robert 824 Jahre in dieser Stadt. Noch elftausend Jahre nach ihrem Tod pflegen die Tiere ihr Grabmal. Troyes verbindet dadurch die untergegangene Welt der Menschen mit der neuen Welt der Tiere.
Für mich stand von Anfang an fest: Meine Tiere sollten Tiere bleiben. Sie tragen keine Kleidung, gehen nicht auf zwei Beinen und verhalten sich nicht wie Menschen mit Fell. Sie leben in Höhlen, folgen ihren Instinkten und nehmen ihre Umwelt mit den Sinnen ihrer jeweiligen Art wahr. Dennoch besitzen sie Sprache, Kultur, Freundschaft, Liebe und Verantwortungsbewusstsein.
Die Kaniden nehmen dabei eine besondere Stellung ein. Sie gingen ursprünglich aus einer Verbindung von Wölfen und Haushunden hervor. [2]
Nach elftausend Jahren gleichen sie körperlich wieder weitgehend gesunden Wölfen: Sie sind annähernd gleich groß, besitzen lange Wolfsschnauzen und kennen keine vom Menschen durch Zucht verursachten körperlichen Verzerrungen mehr.
Geblieben ist eine größere Vielfalt der Fellfarben und einiger individueller Merkmale. Sammy besitzt gelbe Locken, Dunny trägt Knickohren – aber beide sind Kaniden und keine heutigen Haushunde.
In Troyes leben außerdem Pferde, Mäuse, Wildkühe, Alpakas, Wildschweine und viele andere Tiere. Jedes Volk besitzt seine eigene Lebensweise und trägt Verantwortung für die gemeinsame Welt.
Über allem wacht Gaia, das kollektive Bewusstsein und Gedächtnis aller Tiere und Pflanzen, die seit Anbeginn des Lebens auf der Erde existiert haben. [3]
Durch ihr Netzwerk sind die Lebewesen miteinander und mit der Natur verbunden. Gaia bewahrt Wissen, erhält das Gleichgewicht der Biosphäre und spricht zuweilen in den Träumen der Tiere zu ihnen.
Dieser Gedanke besitzt neben seiner naturwissenschaftlichen auch eine deutlich christliche Grundlage. Das christliche Weltbild kennt neben der sichtbaren Schöpfung eine unsichtbare Wirklichkeit. [4]
In meinen Romanen bildet sie eine zusätzliche Ebene der Welt, in der die übersinnlichen und magischen Kräfte ihren Ursprung haben.
Seit elftausend Jahren leben die Tiervölker von Troyes in Frieden. Doch auch ihre Welt ist nicht vollkommen. Die Tiere machen Fehler, geraten in Streit und können eitel, ängstlich oder ungerecht sein.
Als Gaia plötzlich verstummt und rätselhafte Fischwesen aus dem Meer steigen, gerät ihre Ordnung ins Wanken. Misstrauen und Angst breiten sich aus, und ausgerechnet der sechzehnjährige Kanide Dunny muss eine Reise antreten, die ihn bis zum nördlichen Polarkreis, über das Mittelmeer und zu den Pyramiden von Gizeh führt.
So wurde aus einer politischen Frage ein Abenteuerroman, und die ursprünglichen Gedanken leben darin weiter:
Was hält eine Gesellschaft zusammen? Wem darf man vertrauen? Wann wird Führung zu Herrschaft? Kann ein gemeinsamer Glaube Frieden bewahren? Wie schnell zerbricht eine Ordnung, wenn Angst an die Stelle der Vernunft tritt?
Die Tiere von Troyes besitzen etwas, das den Menschen ihrer Welt abhandengekommen war: das tiefe Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Vielleicht liegt darin der entscheidende Unterschied.
»Die Tiere von Troyes« ist trotz seiner tierischen Hauptfiguren kein Kinderbuch. Es ist ein illustrierter Roman für Erwachsene – eine Geschichte über Freundschaft, Verantwortung, Glauben, Natur und die immer wieder gefährdete Möglichkeit des Friedens.
Rund zweihundert eigens geschaffene Aquarellillustrationen begleiten die Handlung und machen Troyes zu einer Welt, die nicht nur beschrieben, sondern auch sichtbar wird. Aus ersten Gedanken entstanden Landschaften, Völker, Religionen und schließlich sogar ein eigenes Naturkundebuch dieser zukünftigen Erde.
Rückblickend erscheint mir der Weg von »54 Billionen« über die »Schattenmächte« bis nach Troyes nicht wie ein Bruch. Alle diese Bücher beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit derselben großen Frage:
Was braucht eine Welt, damit ihre Bewohner in Freiheit, Verantwortung und Frieden miteinander leben können?
Die Menschen haben darauf bis heute keine endgültige Antwort gefunden.
Vielleicht gelingt es den Tieren von Troyes.
SPT: Vielen Dank für das Gespräch.
Anmerkung des Autors
Die deutsche Ausgabe von »Die Tiere von Troyes« ist ab Ende September im Buchhandel erhältlich. Die französische Ausgabe erscheint voraussichtlich noch vor Jahresende, die englische im nächsten Frühjahr.
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