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POLITISCH · KRITISCH · ANALYTISCH

AUSGABE • JUNI 2026

Ein Krieg kennt keine Sieger

81 Jahre deutsch-britische Freundschaft

Auf den ersten Blick scheinen Deutschland und Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg sehr unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Das eine Land wurde zum Symbol eines Wirtschaftswunders, während das andere mit Schulden, Rationierung und dem Niedergang seines Weltreichs zu kämpfen hatte. 
Von Ray Adam • Juni 2026

Hinter diesen Unterschieden allerdings verbirgt sich eine bemerkenswerte Parallele: In beiden Ländern entwickelte sich das Verhältnis zwischen Wohlstand, demokratischer Kontrolle und dem wachsenden Einfluss von Marktkräften auf das öffentliche Leben auf überraschend ähnliche Weise.

Zu Beginn ein persönliches Wort, das mir wichtig ist: 1972, keine dreißig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verbrachte ich zwei Monate in Großbritannien. Als junger Deutscher kam ich mit einer Mischung aus Neugier, Unsicherheit und - wenn ich ehrlich bin - einem gewissen Schamgefühl in London an, denn ich wusste sehr genau, welche unglaublichen Verbrechen Deutsche während des Krieges im Namen des Deutschen Volkes - also auch in meinem Namen - an Großbritannien verübt hatten.

Und ich ahnte, dass diese Gräueltaten damals immer noch Teil der lebendigen Erinnerung in weiten Teilen der Bevölkerung waren. Ich wusste also nicht, was für einen Empfang ich zu erwarten hatte, und war eigentlich recht froh, dass ich im Alter von 18 Jahren mit meinen schulterlangen, schwarz-gelockten Haaren mehr wie ein Italiener als wie ein Deutscher aussah.

Aber entgegen allen Befürchtungen begegnete mir überall Wärme, und Großzügigkeit, manchmal sogar Herzlichkeit. Die Menschen, die ich traf, empfingen mich ausnahmlos mit einer Freundlichkeit, mit der ich nicht gerechnet hatte, und die mich um so mehr beschämte. Dies ist einer der Gründe, warum ich damals eine dauerhafte Zuneigung zu Großbritannien und seinem Volk entwickelte.

Fast dreißig Jahre später, während eines Besuchs in London im Jahr 2001, geriet ich versehentlich in einen Gottesdienst in einem kleinen Seitenflügel der St. Paul's Cathedral. Der anglikanische Priester unterbrach kurz seinen Gottesdienst und fragte mich, was er für mich tun könne.

Als ihm erzählte, dass ich Deutscher bin, begrüßte er mich ganz herzlich und lud mich ein, am laufenden Gottesdienst teilzunehmen. Es war eine christliche, großzügige Geste, und ich habe sie nie vergessen; sowenig wie das Kirchenlied, das wir am Ende alle sangen: »The Day Thou Gavest Lord Is Ended«.

Großbritannien 1945
1945 gehörte Großbritannien zwar zu den drei eigentlichen Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, aber es hatte einen enorm hohen Preis dafür bezahlt, quasi als letztes freies Bollwerk der Demokratie den jahrelangen deutschen Angriffen zu trotzen.

Über Jahre hatten britische Städte schwere Bombardements erlitten, und nach mehreren Großangriffen auf die britische Hauptstadt London im September 1940 flogen 500 deutsche Bomber in der Nacht zum 15. November 1940 den schwersten Luftangriff gegen eine englische Stadt und zerstörten Coventry nahezu vollständig.

Gott sei Dank ging Großbritannien trotz dieser grauenhaften Kriegsverbrechen gegen die britische Zivilbevölkerung nicht in die Knie.

Das nationalsozialistische Regime aber gab nicht auf ließ die weltweit ersten ballistischen Großraketen namens »V2« entwickeln. Maßgeblichen Anteil daran hatte der SS-Sturmbannführer Wernher Magnus Maximillian Freiherr von Braun - deutscher Aristokrat, Raketeningenieur und Mitglied der paramilitärischen Verbrecherorganisation der SS .

Die »V2« diente primär der Zermürbung der alliierten Zivilbevölkerung und war ein vom Nazi-Regime bewusst gewähltes Terrorinstrument - allein die britische Hauptstadt London konnte mehr als 1300 Einschläge der Rakete verzeichnen.

Spätestens ab 1943 gewannen die Briten die Lufthoheit über ihr Land zurück und intensivierten alliierte Angriffe auf Deutschland. In den letzten Kriegsmonaten wurden Großstädte wie Hamburg, Berlin, Dresden oder Würzburg durch schwerste Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt.

Deutschland 1945
Deutschlands Industriezentren, Verkehrs-netze und der Wohnungsbestand waren in einem Ausmaß zerstört worden, das heute kaum noch vorstellbar ist.

Aber die meisten Deutschen erholten sich schneller als gedacht von den 12 Jahren Terrorherrschaft des Naziregimes, auch wenn der geistige Unrat dieser Zeit noch jahrzehntelang in den Köpfen so mancher Ewig-Gestriger herumspuken sollte; bei einigen bis an ihr Lebensende.

1948 war die Währungsreform, 1949 wurde die BRD gegründet, und so erlebte Westdeutschland innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt das, was als später als »Deutsches Wirtschaftswunder« bekannt wurde - eine Bezeichnung für den rasanten wirtschaftliche Aufstieg Westdeutschlands.

Nach totaler Zerstörung wuchs die Wirtschaft ab den 1950er Jahren tatsächlich so erstaunlich schnell, dass es für die Menschen wie ein Wunder wirkte. Vollbeschäftigung sowie großer Wohlstand waren die direkten Folgen.

Die Jahre danach
Unterdessen blieb Großbritannien durch hohe Kriegsschulden, Engpässe und wirtschaftliche Stagnation belastet. Die Lebensmittelrationierung in Großbritannien endete erst 1954 endgültig!

Bitte denken Sie einen Moment
über diese Worte nach!

Neun Jahre nach dem Sieg über die Faschisten mussten britische Familien immer noch Lebensmittelkarten verwenden und allerorten mit der Knappheit kämpfen.

Wie hatte das passieren können? Die Antwort ist komplexer, als uns die meisten politischen Mythen glauben machen wollen. Großbritannien war wirtschaftlich erschöpft aus dem Krieg hervorgegangen. Es hatte sechs Jahre Verteidigung gegen einen Aggressor, der die ganze Welt erobern wollte, durch beispiellose Kreditaufnahmen finanzieren müssen.

Zusätzlich hielt Großbritannien auch nach dem gewonnenen Krieg an seinen globalen militärischen Verpflichtungen fest - und es trug immer noch die Verantwortung eines Weltreiches, das sich zwar langsam aufzulösen begann, aber den Höhepunkt dieses Unabhängigkeitsprozesses erst in den 60er Jahren erreichen würde.

Darüber hinaus wurde 1948 der Nationale Gesundheitsdienst NHS gegründet. Dieser neu geschaffene Wohlfahrtsstaat stellte eines der ehrgeizigsten Sozialprojekte der britischen Geschichte dar. Millionen britische Bürger erhielten von jetzt an Zugang zu medizinischer Behandlung, die zuvor nicht verfügbar oder für die meisten Menschen unerschwinglich gewesen war. Es war eine bemerkenswerte Leistung, aber eben auch richtig teuer.

Resümee: Nach dem Krieg versuchte Großbritannien also, seine Wirtschaft wieder aufzubauen, diese komplett umzustrukturieren von einer durch Pläne gesteuerten Kriegswirtschaft zur Wirtschaft eines freien Marktes. Dazu wollte es seine internationalen Verpflichtungen einhalten und gleichzeitig einen Wohlfahrtsstaat aufbauen. Keine Regierung der Welt kann diese drei gewaltigen Aufgaben unbegrenzt und ohne Konsequenzen erfüllen.

Westdeutschland sah sich einer völlig anderen Realität gegenüber. Das Land hatte wohl viel verloren, aber gerade weil so viel zerstört worden war, schuf der Wiederaufbau enorme Wachstumschancen. Fabriken wurden wieder neu errichtet, die Infrastruktur wurde erneuert, neue Wohnungen entstanden in großem Umfang, Millionen Bürger arbeiteten, sparten und investierten. Die Folge war eine außerordentliche wirtschaftliche Expansion.

Mehrere Jahrzehnte lang gingen Großbritannien und Deutschland also recht unterschiedliche Wege, aber heute stehen beide Länder zunehmend vor ähnlichen Fragen - Fragen, die selten ehrlich diskutiert werden.

Wem gehört die wesentliche Infrastruktur? Wer kontrolliert das Wohnen? Wer profitiert vom Wirtschaftswachstum? Wer trifft die Entscheidungen, die den Alltag prägen? Und vielleicht am wichtigsten: Welche Teile der Gesellschaft dürfen niemals gewinnorientiert organisiert werden?

In den letzten vierzig Jahren haben sich viele westliche Regierungen der Privatisierung, Deregulierung und dem wachsenden Einfluss der Finanzmärkte verschrieben, denn das Versprechen war einfach: Märkte würden Effizienz liefern, Wettbewerb würde die Kosten senken, Privateigentum würde öffentliche Institutionen übertreffen. Manchmal ist das passiert, aber oftmals war dies nicht der Fall.

Großbritannien kennt diese Geschichten gut: Eisenbahnen, Versorgungsunternehmen, Wohnungsbau, öffentliche Dienstleistungen - die Debatte darüber ist nie wirklich beendet.

Alles begann in der Regierungszeit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher (1979–1990), die den Neoliberalismus in Europa salonfähig machte. Ihre als »Thatcherismus« bezeichnete Politik setzte auf Freihandel, Deregulierung, Privatisierung und die Zerschlagung der Gewerkschaften. Unter Thatcher wurden British Telecom, British Gas, British Airways und zahlreiche weitere große Staatsunternehmen privatisiert.

In Deutschland begann derselbe unheilvolle Weg einige Jahre später mit der Regierung Helmut Kohls und wurde unter den späteren Regierungen Schröder und Merkel fortgesetzt.

Man ging einen sehr ähnlichen Weg wie die Briten: zwar andere Geschichte, andere Institutionen, unterschiedliche politische Traditionen aber doch die gleiche zugrunde liegende Annahme, nämlich, dass die Marktkräfte Probleme lösen könnten, sobald sie durch demokratische Institutionen angegangen würden.

Die Ergebnisse dieser neoliberalen Denkungsart sind heute in weiten Teilen der westlichen Welt deutlich sichtbar.

In der langfristigen Folge ist Wohnraum immer unbezahlbarer geworden, die Infrastruktur altert, öffentliche Dienstleistungen kämpfen unter wachsendem Druck.

Den Bürgern wird gesagt, dass es nie genug Geld gibt - nie genug Geld für Renten - nie genug Geld für Krankenhäuser - nie genug Geld für Schulen. Doch irgendwie ist immer genug Geld da für Finanzspekulationen, Unternehmenskonsolidierungen und den endlosen Transfer öffentlicher Vermögenswerte in private Hände.

Dieser Widerspruch verdient eine Prüfung. Nicht weil Märkte von Natur aus böse wären, sondern weil Gesellschaften mehr sind als reine Märkte.

Bürger sind mehr als Verbraucher und Demokratien können nicht auf unbestimmte Zeit überleben, wenn ihre Regierungen die Fähigkeit verlieren, Ergebnisse zu gestalten, die für die einfachen Menschen am wichtigsten sind.

Dies ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern eine demokratische: wie kann der Staat die demokratische Kontrolle über all jene Institutionen zurückerobern, die zivilisiertes Leben ermöglichen: Wohnen, Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur, Energie, Kommunikation.

Die Zukunft demokratischer Gesellschaften hängt möglicherweise von der Antwort ab - mehr als viele Politiker bereit sind zuzugeben.

In Deutschland wie in Großbritannien.

Ray Adams neues, deutschsprachiges Buch »54 Billionen – Wie drei Nachkriegsgenerationen Deutschlands Wohlstand schufen und selbst arm blieben« lieferte die Grundidee und die Vorlage für diesen Artikel.

Dieses Buch analysiert die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei verbindet der Autor historische Untersuchungen, politische Beobachtungen und eine Modellrechnung zur Lebensarbeitsleistung der Nachkriegsgenerationen.

Im Mittelpunkt steht eine zentrale Frage: Drei Nachkriegsgenerationen schufen einen beispiellosen Wohlstand. Gleichzeitig beobachten wir den Verlust staatlicher Gestaltungsmacht, den Rückgang öffentlicher Daseinsvorsorge und den massiven Schwund sozialer Sicherheit.

Wieso konnte Deutschland, dessen arbeitende Menschen einen außergewöhnlichen Wohlstand geschaffen haben, diesen Wohlstand weder im Sinne des Gemeinwohls bewahren noch gerecht verteilen?

 Autor: Ray Adam    •   Verlag: BoD   •   Reihe: SPT-Studien Band 3

54 Billionen – Wie drei Nachkriegsgenerationen Deutschlands Wohlstand schufen und selbst arm blieben.

172 Seiten, 48 Illustrationen, 14,90 €