WEIHNACHTSAUSGABE • 2026
Die Weihnachtsgeschichte im Jahr 2026
Wien, 1976
Mitten im Kalten Krieg. Im Herzen Europas liegt das neutrale Österreich - genau zwischen den Machtblöcken NATO und Warschauer Pakt. Auf beiden Seiten stehen Atomraketen - auf den jeweils anderen gerichtet. 14 Jahre vorher wäre es fast schiefgegangen. Dann versprachen die SALT-Abkommen Entspannung. Die Menschen spüren die Gefahr trotzdem - wer als Jugendlicher die Kubakrise durchlebt hat, der vergisst diese Tage nicht. Der weiß, dass die Welt innerhalb weniger Stunden vernichtet werden kann - von beiden Seiten.
Innenpolitisch geht es Österreich gut: Durch die Politik der Regierung von Bundeskanzler Bruno Kreisky erlebt das Land umfassende Sozialreformen und wirtschaftlichen Aufschwung. Ein bescheidener Wohlstand erreicht weite Teile der Bevölkerung.
Die Umweltbewegung entsteht und nimmt Fahrt auf. Österreichs erstes Atomkraftwerk Zwentendorf steht vor der Inbetriebnahme, und auf die Fragen nach den Risiken der Kernkraft existieren keine befriedigenden Antworten. Viele junge Menschen lehnen Atomkraft ab. Ein dauerhaft erprobtes Endlager für hochradioaktive Abfälle gibt es nicht - nirgends auf der Welt.
In Wien lebt der 30-jährige Liedermacher Georg Danzer. Seine neue Single ist gerade eingetroffen - ein Weihnachtslied, und so heißt die Single auch: »Wie woa Weihnachten?«
Ein Lied, das es in sich hat, denn es beschreibt die tiefen Ängste einer ganzen Generation. Junge Menschen, die 1962 während der Kubakrise ihr ganzes Leben vor sich haben, aber täglich fürchten müssen, dieser Tag könnte ihr letzter sein.
Solche Erinnerungen bleiben - solche Erinnerungen gehen nie wieder weg.
In Schleswig-Holstein wird mit dem Bau des Kernkraftwerks Brokdorf begonnen. In der Folge organisieren sich empörte Bürger, um dagegen zu demonstrieren. Die Anti-Atomkraft-Bewegung weitet sich bundesweit aus. Im November geht die deutsche Polizei brutal mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor. Mehr als 150 Menschen werden verletzt.
Nummer-eins-Hits sind unter anderem »Money, Money, Money« von ABBA, »Daddy Cool« von Boney M. und »Ein Bett im Kornfeld« von Jürgen Drews. Ansonsten: Im Westen nichts Neues.
Ich lebe damals in Quickborn bei Hamburg, bin 22 Jahre alt und studiere. Auf meinem alten VW-Käfer klebt eine gelbe Sonne:
Zweimal reißt mein depperter Vater wütend den Aufkleber ab. Dreimal klebe ich ihn wieder drauf.
1962 war ich noch zu jung, um die Zusammenhänge der Kubakrise zu begreifen. Die Ängste der zehn Jahre Älteren kenne ich also nicht, aber das ist auch nicht nötig - allein das Wissen, dass Deutschland zwischen den beiden Machtblöcken liegt und das erste Opfer in einem Konfliktfall wäre, reicht völlig aus, um schlaflose Nächte zu haben.
Und dann höre ich Georg Danzers Lied im Radio: »Wie woa Weihnachten?«
Das Lied erzählt eine Geschichte, aber nicht von Weihnachten im Jahr 1976. Sie spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der ein großer Krieg die Welt verwüstet hat. Die Menschen leben unter der Erde, haben sich in Katakomben zurückgezogen, weil die Welt über ihnen nicht mehr bewohnbar ist.
Dort wächst ein Kind auf, das viele Dinge nicht kennt, die für uns selbstverständlich sind. Schnee. Sterne. Weihnachtsbäume. Das Weihnachtsfest. Der Junge begegnet einem hundertjährigen Mann, der sich noch an diese Dinge erinnern kann, und er beginnt zu fragen.
Wie war Weihnachten?
Was ist Schnee?
Wie sehen Sterne aus?
Was bedeutet Glückseligkeit?
Der alte Mann versucht, ihm zu antworten, und je länger er erzählt, desto deutlicher wird, dass er nicht nur eine vergangene Tradition beschreibt; er erzählt von einer verlorenen Welt.
Wir müssen uns einmal vorstellen, was das bedeutet! Ein Kind kennt keinen Schnee, weil es keine Gelegenheit besitzt, Schnee zu sehen! Die Welt, in der Schnee fällt, existiert für dieses Kind nur noch in den Erinnerungen eines alten Mannes.
Es kennt auch keine Sterne, und der Gedanke ist vielleicht noch erschreckender, denn die Sterne sind ja nicht verschwunden - sie befinden sich noch immer dort, wo sie seit Milliarden Jahren stehen. Die Menschen können sie nur nicht mehr sehen, weil sie unter der Erde leben müssen.
Dieselbe Menschheit, die einmal davon träumte, zu den Sternen zu fliegen, hat sich so gründlich mit ihrer eigenen Vernichtung beschäftigt, dass ihre Kinder nicht einmal mehr den Himmel betrachten können!
Der alte Mann erzählt. Er erinnert sich an einen Weihnachtsbaum, an Kerzen, an Lichter und an Menschen, die miteinander singen. Er erinnert sich an Schnee und an eine Zeit, in der das Weihnachtsfest für ihn mit Freude verbunden war. Und er erinnert sich an das Lied von der stillen, heiligen Nacht.
Was für eine merkwürdige Erinnerung! Eine stille Nacht. Eine heilige Nacht. Frieden. Geborgenheit. Menschen, die zusammenkommen - und das alles erzählt ein Mann, der seit vielen Jahren unter der Erde lebt, weil die Menschen ihre Welt durch einen Krieg zerstört haben.
Das Christentum erzählt seit Jahrhunderten von einem Kind, dessen Geburt Hoffnung und Frieden verkünden soll. Und die Menschen, die sich auf diese Botschaft berufen, entwickeln gleichzeitig Waffen, mit denen sie sich gegenseitig vernichten können.
Die wissenschaftlichen Leistungen werden immer größer, die Waffen immer wirkungsvoller, die Möglichkeiten der Zerstörung wachsen. Aber die Fähigkeit, friedlich miteinander zu leben, hält mit dieser Entwicklung offensichtlich nicht Schritt.
So bleibt von der stillen Nacht am Ende nur die Erinnerung.
Eine Frage des Kindes beschäftigt mich besonders: Es möchte wissen, was Glückseligkeit bedeutet. Eine schwierige Frage, denn wie erklärt man einem Menschen ein Gefühl, das er nie erlebt hat?
Wie erklärt man jemandem, was Geborgenheit bedeutet, wenn er nur Angst kennt?
Wie erklärt man jemandem, was Frieden bedeutet, wenn seine gesamte Welt aus den Folgen eines Krieges besteht?
Wie erklärt man jemandem, was Freiheit bedeutet, wenn er sein Leben unter der Erde verbringen muss?
Wie erklärt man jemandem, was Hoffnung bedeutet, wenn die Zukunft nur aus dem Wunsch besteht, irgendwie weiterzuleben?
Wir besitzen heute ein gewaltiges Wissen über die Welt. Wir können die Zusammensetzung ferner Sterne analysieren, das menschliche Erbgut entschlüsseln und Maschinen bauen, die Aufgaben übernehmen, für die früher ganze Arbeitsgruppen notwendig waren.
Aber was hilft dieses Wissen einem Kind, das nicht weiß, was Glück bedeutet?
Gerade an dieser Stelle zeigt sich, wie wenig die technische Entwicklung allein über den Zustand einer Zivilisation aussagt. Eine Gesellschaft kann wissenschaftlich hoch entwickelt sein und dennoch menschlich versagen. Sie kann über die Mittel verfügen, das Leben ihrer Bürger zu verbessern, aber diese Mittel stattdessen zur Zerstörung einsetzen.
Sie kann alles über die Entstehung der Sterne wissen und ihren Kindern den Anblick des Sternenhimmels nehmen. Und sie kann den Begriff Glückseligkeit in tausend Büchern erklären, ohne ihren Menschen ein glückliches Leben zu ermöglichen.
Der alte Mann in Danzers Lied ist hundert Jahre alt. Er hat die Katastrophe überlebt, und das ist zunächst einmal eine beachtliche Leistung. Aber ist es auch ein Erfolg?
Was bedeutet Überleben, wenn alles verschwunden ist, was das Leben lebenswert macht? Wenn man den Kindern nur noch erzählen kann, wie die Welt einmal ausgesehen hat? Wenn Erinnerungen an Schnee, Licht und Weihnachten kostbarer werden als alle technischen Errungenschaften einer untergegangenen Zivilisation?
Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er etwas: vielleicht ein Haus, vielleicht Geld, vielleicht Schulden, vielleicht Bücher, Bilder oder persönliche Erinnerungen. Und manchmal hinterlässt er nichts als die Folgen seiner Entscheidungen.
Auch untergegangene Gesellschaften hinterlassen etwas: Gesetze, Institutionen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Kunstwerke, Straßen, Brücken, Schulen und Krankenhäuser - aber auch zerstörte Landschaften, vergiftete Gewässer, radioaktive Abfälle, Schulden und politische Konflikte, deren Ursachen längst niemand mehr versteht.
Die Menschen, die diese Hinterlassenschaften übernehmen müssen, haben das nicht entschieden. Sie werden in diese traurige Erbschaft hineingeboren.
Und genau darin liegt das moralische Problem:
Wer gibt uns das Recht, die Lebensmöglichkeiten kommender Generationen zu zerstören?
Wer gibt uns das Recht, Ressourcen zu verbrauchen, die sich nicht ersetzen lassen?
Wer gibt uns das Recht, eine Umwelt zu hinterlassen, in der unsere Kinder und Enkel nur noch unter erschwerten Bedingungen leben können?
Wer gibt uns das Recht, dabei so zu tun, als seien die Folgen unseres Handelns nicht unsere Angelegenheit?
Menschen neigen dazu, Verantwortung so lange weiterzureichen, bis niemand mehr dafür zuständig ist. Nur die Kinder, die später in den Katakomben leben müssen, können sie nicht weiterreichen. Sie haben die Folgen zu tragen.
Ein Kind wird geboren, und mit ihm verbindet sich die Hoffnung auf Frieden und auf eine andere Art des menschlichen Zusammenlebens.
Fast zweitausend Jahre später verfügt die Menschheit über Waffen, mit denen sie große Teile ihrer eigenen Zivilisation vernichten kann - und sie besitzt zugleich die Fähigkeit, die Folgen dieser Waffen zu verstehen.
Das allerdings macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer, weil wir uns nicht darauf berufen können, nichts gewusst zu haben.
Die Menschheit weiß längst, was eine Atombombe anrichtet. Wir kennen die Bilder aus Hiroshima und Nagasaki und wissen, dass ein großer Atomkrieg nicht nur Millionen Menschen unmittelbar töten, sondern auch die Lebensbedingungen auf der gesamten Erde weit über die angegriffenen Gebiete hinaus zerstört.
Trotzdem existieren diese Waffen immer noch - auch fünfzig Jahre nach Danzers Weihnachtslied!
Trotzdem werden selbst heute noch Atomwaffen modernisiert. Trotzdem wird mit ihrem Einsatz gedroht.
Man soll es nicht für möglich halten - selbst im Jahr 2026 lässt das Pentagon überprüfen, welche Rolle Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft in künftigen Kriegen spielen könnten! Als ließe sich die atomare Vernichtung in handliche Portionen aufteilen!
Weihnachten feiert die Menschheit die Geburt eines Kindes als Symbol der Hoffnung und hält gleichzeitig die Mittel bereit, den Kindern der Zukunft diese Hoffnung zu nehmen.
Das ist kein Widerspruch, den man mit einem besonders feierlichen Weihnachtsgottesdienst aus der Welt schaffen kann. Es ist ein Widerspruch, der in unseren Köpfen existiert und deshalb unser Denken und Handeln erfordert - und zwar jetzt!
In Danzers Geschichte gibt es noch einen letzten Gedanken. Der alte Mann hofft, dass die Menschen vielleicht eines Tages wieder an die Oberfläche zurückkehren können. Dass sich die Welt erholt. Dass es irgendwann wieder Weihnachten geben könnte.
Es ist eine kleine Hoffnung. Keine triumphale Vision, keine Eroberung, kein technisches Wunder, nur die Vorstellung, dass Menschen irgendwann wieder unter freiem Himmel leben können.
Vielleicht ist genau das die traurigste Stelle des ganzen Liedes, denn was für uns selbstverständlich erscheint, wird für die Menschen dieser Zukunft zum größten denkbaren Glück:
Den Himmel sehen - Schnee erleben - Sterne betrachten - mit anderen Menschen zusammenkommen - ein Fest feiern.
Dinge, für die wir keinerlei Technik benötigen. Nur Menschlichkeit. Wir müssen lediglich dafür sorgen, dass sie auch morgen noch möglich sind.
Fünfzig Jahre sind seit Georg Danzers Lied vergangen - ein Menschenleben.
Heute bin ich selbst ein alter Mann. Wie viel Zeit mir bleiben wird, weiß ich nicht, aber die Phase des Aufbruchs ist lange vorbei. Ich war nie Mitglied irgendeiner Partei, habe immer darauf vertraut, dass meine Altersgenossen »es schon machen werden« - schließlich hatten wir alle einmal das selbe Ziel, - nämlich es besser zu machen als die Generationen vor uns.
Erst als ich in Rente bin, schaue ich wieder genauer hin - und was ich sehe, lässt mich erschauern.
Jetzt, im Alter von 72 Jahren, mache ich mir schwerste Vorwürfe, dass ich mich niemals ernsthaft politisch engagiert habe, obwohl ich es gekonnt hätte. Als politischer Mensch habe ich Zeit meines Lebens in vieler Hinsicht versagt, und das macht mir schwer zu schaffen.
Dass ich meinen Kindern und Enkeln eine Welt hinterlassen werde, die so aussieht, wie sie heute ist, wäre mir 1976 unvorstellbar erschienen.
Schließlich hat meine Generation alles gewusst.
Schließlich hat meine Generation alles gekonnt.
Politiker und Manager aus der Wirtschaft wollen uns einreden, wir hätten noch ausreichend Zeit, um die Probleme unserer Welt zu lösen. Das ist nichts als eine dreiste Beschwichtigung. Dass sich unsere Lebensbedingungen bereits merkbar verändert haben, kann jeder feststellen, der im Sommer nach draußen geht und sich fragt, ob das Wetter immer noch so ist wie in seiner Kindheit.
Katakomben? Brauchen wir nicht mehr - fünfzig Jahre nach Danzer. Unsere Katakomben existieren in unseren Köpfen; sie sind die Wirklichkeit der Gegenwart:
• Ein verheerender Krieg in der Ukraine, den Russland mit seiner groß angelegten Invasion begonnen hat. Wir befinden uns bereits im fünften Kriegsjahr. [1]
• Ein Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen, den die unabhängige Untersuchungskommission der Vereinten Nationen dem israelischen Vorgehen zuschreibt. [2]
• Ein seniler US-Präsident, der in seiner verblasenen Selbstverliebtheit sein eigenes Land ruiniert. [3]
Was bitte brauchen wir noch, um zu sehen, wohin dieser Weg führt? Ich habe in meinem Leben viel zu spät begriffen, dass persönliche Verantwortung nichts ist, was man irgendwann einmal übernimmt und dann für immer besitzt. Man muss jeden Tag neu darum kämpfen und sie tatsächlich wahrzunehmen.
Das ist der Grund, weshalb ich heute die SHADOW POWERS TIMES betreibe. Mit 72 Jahren kann ich keine großen politischen Veränderungen mehr bewirken, aber ich kann immer noch schreiben. Jeden Monat wenigstens einen Artikel, in dem ich versuche, aufzuklären, Zusammenhänge sichtbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen.
Das möchte ich fortsetzen, solange ich lebe. Hoffentlich bleibt mir dafür noch viel Zeit. Denn eines habe ich inzwischen verstanden:
Es genügt nicht, darauf zu hoffen, dass andere die Welt schon in Ordnung bringen werden.
Verantwortung lässt sich nicht delegieren.
Und es ist nie zu spät, Verantwortung zu übernehmen, aber es ist immer zu früh, damit aufzuhören. Am Ende bleibt nur eine einzige Erkenntnis, und sie ist meine Weihnachtsbotschaft für 2026:
Guter Gott!
Wir haben alles gewusst, wir haben alles gekonnt, aber wir haben nichts begriffen.
In der Stille der Heiligen Nacht offenbarst Du Deine große Barmherzigkeit.
Erfülle unsere wunderbare Welt mit Deinem Frieden und Deinem Licht!
Amen
[1] Genaueres unter Wikipedia, Stichwort Russisch-Ukrainischer Krieg
[2] https://www.un.org/unispal/document/commission-of-inquiry-report-genocide-in-gaza-a-hrc-60-crp-3/
[3] Formulierung aus der Filmkritik von Bosley Crowther zu Charlie Chaplins »The Great Dictator«
Der Artikel erschien am 16. Oktober 1940 in der New York Times
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